Italienischer Maschenanschlag und italienisches Abketten
Du hältst den fertigen Halsausschnitt gegen das Licht und suchst die Anschlagkante. Bei einem guten italienischen Anschlag findest du keine. Der Rand läuft weich und rund ums Bündchen, als hätte das Rippenmuster einfach angefangen zu existieren. Genau so sehen viele Fertigpullover aus – und genau deshalb lohnt sich die Technik, wenn die Kante später über den Kopf oder über die Hand muss.
Der Handgriff unterscheidet sich vom Kreuzanschlag: Du erzeugst nicht nur rechte Maschen, sondern rechte und linke im Wechsel. Danach folgen Hohlrandreihen. Das Gegenstück am anderen Ende ist das italienische Abketten mit der Wollnadel.
Was du vorbereitest
Plane ein Bündchen im 1-rechts-1-links-Rhythmus und eine gerade Maschenzahl. Die Anfangsschlinge zählt als erste rechte Masche; danach folgt links, rechts, links, bis die letzte Masche eine linke ist. Auch wenn das Stück später in Runden weitergeht, bleiben Anschlag und Hohlrand erst einmal flach: eine Hin- und eine Rückreihe.
Lege einen Anfangsfaden von etwa der dreifachen Bündchenbreite zurück. Nimm die Nadelstärke des Rippenmusters, oft eine halbe bis ganze Größe dünner als der glatte Teil. Mach aus beiden Fadenteilen eine Anfangsschlinge und lege sie auf die Nadel. Der kurze Anfangsfaden läuft über den linken Daumen, der Faden zum Knäuel über den linken Zeigefinger. Die übrigen Finger halten beide Stränge locker in der Handfläche.
Das ist dieselbe Grundhaltung wie beim Kreuzanschlag. Der Unterschied kommt in der Bewegung: Die Nadel pendelt einmal zur Daumen-, einmal zur Zeigefingerseite. Wenn rechte und linke Maschen noch durcheinandergeraten, hilft der Beitrag zu rechten und linken Maschen.
So entsteht die italienische Anschlagkante
Jede neue Masche hat einen klaren Start, eine Bewegung und ein sichtbares Ende. Nach der Masche spreizt du Daumen und Zeigefinger nur so weit, dass die Schlinge sich an die Nadel setzt – fest genug zum Halten, locker genug zum Dehnen.
- Rechte Masche: Die Nadelspitze geht von vorn unter den Daumenfaden, holt den Zeigefingerfaden von oben und bringt ihn unter dem Daumenfaden zurück. Auf der Nadel liegt jetzt eine rechte Masche neben der Anfangsschlinge.
- Linke Masche: Dieselbe Pendelbewegung zur anderen Seite. Die Nadelspitze geht von vorn unter den Zeigefingerfaden, holt den Daumenfaden von oben und kehrt unter dem Zeigefingerfaden zurück. Auf der Nadel liegt eine linke Masche, etwas wie ein kleiner Umschlag.
- Wechsle so weiter: rechts, links, rechts, links, bis die Maschenzahl erreicht ist. Die Maschen sitzen abwechselnd wie kleine Wellen auf der Nadel. Nach der letzten linken Masche den Arbeitsfaden einmal fest um die Nadelspitze legen, sonst rutscht die noch lockere Kante auseinander.
Jetzt kommen die Hohlrandreihen. Sie machen aus der Wellenreihe den runden Tunnel. Die Arbeit bleibt flach, die rechte Seite zeigt zu dir, sobald du die Nadel in die linke Hand nimmst.
- Erste Reihe, rechte Seite: Stricke jede rechte Masche rechts. Die nächste linke Masche hebst du nur ab, Faden vor der Arbeit. Wiederhole das bis zum Reihenende. Du hast jede zweite Masche bewegt, die anderen liegen ungestrickt auf der rechten Nadel.
- Wende. Zweite Reihe, linke Seite: Wieder jede Masche stricken, die auf dieser Seite als rechte erscheint, und die andere mit Faden vor der Arbeit abheben. Nach dem Wenden sind das genau die Maschen, die du in der Reihe davor liegen gelassen hast.
Zwei solcher Reihen reichen oft. Vier machen den Tunnel deutlicher. Danach strickst du ganz normal 1 rechts, 1 links. Dass das Stück in den Hohlrandreihen merkwürdig doppellagig wirkt, ist kein Fehler: Genau dieser kleine Schlauch ist die runde Kante.
Für Runden gilt derselbe Weg: Hohlrand flach arbeiten, dann zur Runde schließen, ohne zu verdrehen. Den Spalt am Zusammenstoß schließt du später mit dem Anfangsfaden. Schließt du die Runde schon vorher, ändert sich die zweite Runde: rechte Maschen mit Faden hinter der Arbeit abheben, linke links stricken.
Wer die Pendelbewegung nicht mag, nimmt die Hilfsfaden-Variante: halbe Maschenzahl mit glattem Kontrastgarn anschlagen, ein paar Reihen glatt rechts, dann mit dem Projektgarn abwechselnd eine Masche von der Nadel und eine aus dem Querfaden der ersten Projektgarn-Reihe holen. Danach dieselben Hohlrandreihen; den Hilfsfaden später herausschneiden.
Italienisch abketten und typische Fehler
Was der Anschlag am Anfang kann, kann das italienische Abketten am Ende. Die Kante wird nicht überzogen abgestrickt, sondern im Maschenstich mit der Wollnadel vernäht. Vorher arbeitest du dieselben zwei Hohlrandreihen. Schneide den Faden auf etwa die dreifache Bündchenbreite ab und fädle eine stumpfe Wollnadel ein. Die rechte Seite zeigt zu dir; auf der Stricknadel liegt zuerst eine rechte, dann eine linke Masche.
- Vorbereitung, einmal: Steche mit der Wollnadel von vorn linksweise in die erste rechte Masche, zieh den Faden durch, lass die Masche auf der Stricknadel. Steche danach rechtsweise in die erste linke Masche, zieh durch, lass auch sie liegen.
- Rechte Masche schließen: Steche rechtsweise in dieselbe erste rechte Masche, zieh durch und lass sie von der Stricknadel gleiten. Steche danach linksweise in die nächste rechte Masche und lass diese auf der Nadel.
- Linke Masche schließen: Steche linksweise in die erste linke Masche, zieh durch und lass sie gleiten. Steche danach rechtsweise in die nächste linke Masche und lass sie liegen.
- Wiederhole die beiden Schließschritte, bis alle Maschen vernäht sind. Der vernähte Faden soll so breit liegen wie eine normale Rippenmasche. Ziehst du ihn fest, verliert die Kante genau die Dehnung, für die du sie gemacht hast.
Das ist nicht dasselbe wie das klassische Abketten von Maschen. Dort hebst du eine gestrickte Masche über die nächste. Hier folgt der Faden dem Weg der rechten und linken Maschen und baut denselben runden Rand wie am Anfang.
- Die Kante schlabbert: Die Hohlrandreihen waren zu locker. Arbeite Anschlag und Hohlrand eine halbe bis ganze Nadelstärke dünner.
- Die Kante zieht ein: Du hast die Anschlagmaschen oder den vernähten Faden zu fest angezogen. Die Schlingen müssen auf der Nadel sitzen, dürfen sie aber nicht würgen.
- Der Rand sieht nach Kreuzanschlag aus: Du hast nur rechte Maschen angeschlagen. Ohne den Wechsel aus rechts und links entsteht kein Hohlrand.
Für 2-rechts-2-links geht die Idee auch, aber nach den Hohlrandreihen sortierst du Maschen paarweise um. Für den Anfang bleibt das 1-1-Bündchen der klarere Weg. Übe beides zuerst mit glattem Garn und wenigen Maschen. Wenn der Pendelrhythmus sitzt, hast du die gekaufte Kante – nur selbst gemacht.